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Tabubruch


Ex****

Empfohlener Beitrag

Geschrieben
Tabu heisst für mich das ich diese Grenze nicht überschreiten werde.
Geschrieben

Gestern habe ich mit einem Mann gechattet, dessen Freundin gerade ein Baby verloren hat und im Krankenhaus liegt. Ich wollte eigentlich nur mein Beileid aussprechen. Und er.....Sex! Ohne den moralischen Zeigefinger erheben zu wollen, das ist für mich absolut tabu!

Geschrieben (bearbeitet)

@Cordulagruen

Das mag einem befremdlich erscheinen, wenn ein Mensch, der eigentlich gerade Anlass zur Trauer hat, nach Sex giert - aber es ist tiefenpsychologisch erklärbar.

Die Liebe zu einem anderen Menschen nennt die Psychoanalyse eine Objektbesetzung der Libido. Dieses "sächliche" Wort vom Objekt wurde wohl gewählt, weil eine solche "Besetzung" auch anderen "Objekten" als Menschen zukommen kann: es können Tiere sein, Dinge, Tätigkeiten wie Berufe oder Hobbys, selbst Abstraka wie Religionen und Ideologien, Gedankensysteme. In der Sicht der klassischen Psychoanalyse ist jede Liebe eine Form der Libido, auch wenn sie in die aussersexuelle Sphäre "sublimiert", nicht mehr als sexuell empfunden wird, zu keiner sexuellen Erregung führt, nicht als sexuell wahrgenommen wird.

Die Libido vergleicht Freud in einem berühmten Bild mit einer Amöbe, die ihre Scheinfüßchen in allerlei Richtungen ausstrecken und auch wieder einziehen kann. Erstreckt die Libido sich zu einem Objekt hin, wird die Substanz dieser Objektbesetzung vom Rest der Libido abgezogen. Zieht sich die Libido von einem Objekt zurück, fließt auch die Substanz dieser aufgegebenen Objektbesetzung wieder zurück.

Geht nun ein solches Objekt verloren, wie durch den Tod eines geliebten Menschen - und ich unterstelle hier einfach mal, daß es das Kind Deines Chatpartners gewesen war, das da verstorben ist - dann hängt diese Objektbesetzung quasi in der Luft und genau das verursacht jenen Schmerz, den wir normalerweise mit Trauer bezeichnen und all die Trauerrituale, die wir (und die Bestatter) gerne auch als "Pietät" bezeichnen, dienen dazu, diese in der Luft hängende, schmerzliche Objektbesetzung der Libido wieder zurückzuholen.

Nun kommt es aber vor, daß aus irgendwelchen Umständen heraus, die man nur im Einzelfall ermitteln könnte, die Objektbesetzung zumindest in erheblichen Teilen sehr schnell wieder eingezogen wird und wenn sie andernorts noch nicht ungebracht werden kann, dann kehrt sie in ihren ursprünglichen Hauptkanal der Sexualität zurück und äussert sich dort als deutlich wahrnehmbare sexuelle Erregung, die nach Abfuhr drängt - "man braucht es".

Das erklärt auch jene merkwürdige, ausgelassene Fröhlichkeit, in die so manche Beerdigungsfeier münden kann - in Bayern nennt man soetwas eine "schöne Leich' ". Mein eigener Vater war eine Solche gewesen und auch die Frau meines Taufpaten. Und auch am Rande solcher 'schönen Leichen' kann es zu Quickies kommen. Es gibt auch ein berühmtes, freilich schwarz-makaberes Beispiel aus der Weltgeschichte dafür: am 30. April 1945 fand in den Räumen der schon größtenteils zerschossenen "Neuen Reichskanzlei" ein "ausgelassenes Tanzvergnügen" statt, wie es immer in den Büchern heißt. Auch die entrüstete Mitteilung, daß der Führer im Begriff sei, Selbstmord zu begehen, konnte es nicht unterbinden. Es waren die Getreuesten Gefolgsleute Hitlers gewesen, die da über den Leichen Eva und Adolf Hitlers tanzten, soffen und - wahrscheinlich - auch vögelten: ihre überstarke Objektbesetzung an "Führer, Volk und Vaterland", ja auch: an das eigene Leben war jäh aufgegeben worden.

Die Trauer, die normalerweise recht lange braucht, um die Libido von einem geliebten Menschen abzulösen, kann in Einzelfällen auch sehr, sehr schnell vollzogen werden. 

Nicht anders verhält es sich nach dem Abbruch von Beziehungen - psychoanalytisch gesehen ist die Ursache des Verlustes eines solchen "Objektes" sekundärer Natur und auch eine verlorene Beziehung muß betrauert werden. Auch hier kennen wir unterschiedliche Fälle - manche brauchen lange Zeit, um wieder "ins Leben zurückzukehren", andere jedoch sind gleich am nächsten Tag wieder "auf der Piste" und betätigen sich in einer für ihr Umfeld oftmals ebenfalls leicht befremdlichen Intensität sexuell, nicht selten "wahllos" promiskuitiv.

Natürlich kann man aus zwei dürren Zeilen eines solchen Postings und auch noch "aus zweiter Hand" kein "seriöses" Urteil abgeben und ich als "Hobbyanalytiker" kann das eh nicht ernsthaft. Aber der Sinn dieses Erklärungsversuches ist es: daß jener Chatpartner nicht notwendig ein gefühlloser, egoistischer, kalter Mensch sein muß, sondern eben auch nur "jäh erwischt" worden sein von einem großen Quantum an Libido aus dieser verlorenen "Objektbesetzung", das sich quasi im Sturzflug aus dieser Objektbesetzung zu seinem - mutmaßlichen - Kind gelöst hatte und mit großer Macht seinen Weg auf dem ursprünglichen Hauptkanal der Libido: der Sexualtiät eben, gesucht hat. Das kann so gewesen sein - es muß aber nicht so gewesen sein. Die Möglichkeit, daß es sich bei jenem Manne schlicht um ein Arschloch gehandelt haben könnte, ist damit keineswegs ausgeschlossen.

 

bearbeitet von Gelöschter Benutzer
Geschrieben

Vielen Dank! Bin ich wieder schlauer geworden ;-)

Geschrieben
vor 34 Minuten, schrieb Cordulagruen:

Vielen Dank! Bin ich wieder schlauer geworden ;-)

Wenn ich dereinst einmal ob meiner Verdienste um die sexuelle Aufklärung der Erwachsenen geadelt werden sollte, dann sei mein Wappenspruch:

"Rumsauen bildet !"

(A)

Geschrieben
Am 18.12.2018 at 18:06, schrieb Extrem100:

Tabus z.B. KV,Ns [...]
wenn man sie [...] dazu bringt diese Tabus zu brechen werden sie zumeist freier. Die meisten haben diese Tabus nur weil die Gesellschaft sagt das dies nicht geht. Wie steht ihr dazu und welche Erfahrungen habt ihr diesbezüglich gemacht?

Andere als du.
Ich sehe es nicht so, dass "die Gesellschaft" den Menschen das vorschreibt. Natürlich werden wir geprägt vom allgemeinen gesellschaftlichen Miteinander, aber letztlich entwickelt jede Person ihre eigenen Vorlieben und Abneigungen. Die können sich ändern, aber ich schätze, dass die meisten Menschen beispielsweise bei dem von dir genannten KV nicht freier werden, wenn du versuchen würdest, bei ihnen dieses Tabu "zu brechen".

Ich empfinde es im Miteinander der Menschen als sehr schön, dass nicht alle das gleiche mögen, sondern wir uns immer neu auf das nächste Gegenüber einstellen müssen. Ich finde es befremdlich zu argumentieren, dass man grundsätzlich Abneigungen in Vorlieben ändern könnte und die Menschen damit freier macht.

Ich behaupte ja auch nicht, dass ich dein Tabu, deine Brieftasche zu stehlen, nur brechen müsste, damit du freier wirst, und du es im Anschluss ganz wunderbar findest, dass ich die deine Kröten geklaut habe und mit deiner Bankkarte im Internet einkaufe.

Geschrieben

Ein Tabu ist für mich etwas,was überhaupt nicht geht. Wird dann auch nicht gebrochen.

Geschrieben

@Tattoo_70

Jetzt mal ganz abgesehen davon, daß ich Muckies bei Frauen absolut total mega-sexy finde ( die "große Liebe meines Lebens" hatte n Rücken wie Arnold S.)  … 90% von dem, was heute meine Sexualität ausmacht, war mir im Alter von 25 Jahren als der Inbegriff des Abartigen, Versauten, Kranken, Perversen und überhaupt: "ih-bääh!" vorgekommen gewesen.

Geschrieben
Am ‎18‎.‎12‎.‎2018 at 18:06, schrieb Extrem100:

 Die meisten haben diese Tabus nur weil die Gesellschaft sagt das dies nicht geht.

 

Mir ist egal was die Gesellschaft sagt.

Das was mich sexuell nicht interessiert will ich auch nicht ausprobieren. Was für den Einen ein Tabu ist, ist für den Anderen ganz normal.

Geschrieben (bearbeitet)
Am 18.12.2018 at 18:06, schrieb Extrem100:

Manche setzen sich Tabus z.B. KV,Ns usw. Ich habe festgestellt wenn man sie wie auch immer dazu bringt diese Tabus zu brechen werden sie zumeist freier. Die meisten haben diese Tabus nur weil die Gesellschaft sagt das dies nicht geht.

Ein Tabu sagt etwas darüber aus, was ein Mensch für sich nicht möchte. Im günstigeren Fall kann man darüber reden, im ungünstigeren nicht.

Warum nimmt man einen Menschen nicht so an, wie er ist? Ändern kann man ohnehin immer nur sich selbst.

Stellt man fest, dass man mit diesem Tabu nicht zurecht kommt, dann ist es besser, man zieht die Konsequenzen und geht.

 

vor 9 Stunden, schrieb NikiLE:

Das erklärt auch jene merkwürdige, ausgelassene Fröhlichkeit, in die so manche Beerdigungsfeier münden kann - in Bayern nennt man soetwas eine "schöne Leich' "

Bei uns sagt man dazu: "Spaß muss sein auf der Beerdigung. Sonst geht Keiner hin....."

 

Gesellschaftliche Tabus haben oft einen wirtschaftlichen und politischen Hintergrund, können aber auch bei der Bestimmung von Verhaltensweisen beim allgemeinen Umgang der Menschen miteinander eine Rolle spielen. Wie zum Beispiel beim Sex mit Minderjährigen.

bearbeitet von rainbow_1954
Geschrieben
vor 1 Stunde, schrieb rainbow_1954:

Ein Tabu sagt etwas darüber aus, was ein Mensch für sich nicht möchte. Im günstigeren Fall kann man darüber reden, im ungünstigeren nicht.

Warum nimmt man einen Menschen nicht so an, wie er ist? Ändern kann man ohnehin immer nur sich selbst.

Stellt man fest, dass man mit diesem Tabu nicht zurecht kommt, dann ist es besser, man zieht die Konsequenzen und geht.

"Tabu" ist ein altes Wort das bedeutet, dass etwas nicht nur aus religiösen, gesellschaftlichen und strafrechtlichen Gründen verboten ist, sondern es aus diesen Gründen auch bereits verboten ist über das Verbot nachzudenken.

So ist der Tabubruch bereits durch das Nachdenken über das Verbot begangen und der Einsatz des Gesunden Menschenverstands ist immer ein Tabubruch, so dass der Tabubruch und dessen dann erfolgende Akzeptanz die Quelle aller Freiheit ist.

Und von DER Tabubrecher-Zeit überhaupt,- den 60er- und 70er-Jahren-, zehren wir doch diesbezüglich immer noch.

Geschrieben (bearbeitet)
vor 13 Minuten, schrieb fritz679:

"Tabu" ist ein altes Wort das bedeutet, dass etwas nicht nur aus religiösen, gesellschaftlichen und strafrechtlichen Gründen verboten ist, sondern es aus diesen Gründen auch bereits verboten ist über das Verbot nachzudenken.

Das mag vielleicht beim katholischen Pfaffengesindel  der Fall  bezüglich ihrer Vorstellung von der Unterwürfigkeit ihrer Schutzbefohlenen(!!!)  gewesen sein. Und heute wieder bei manchen Politikern hinsichtlich der Hirnlosigkeit ihrer Wähler. Bei dem Leben nahestehenden Menschen war das noch nie der Fall!! Vielleicht auch ganz besonders deswegen setze ich mich nahezu immer intensiv damit auseinander, wenn etwas zu einem Tabu erklärt wird! Weil jedem Tabu direkt oder indirekt auch der Versuch der Unterdrückung der Mitmenschen anhaftet. Natürlich nicht bei den vom TE zitierten Themen, die schon etwas sehr speziell sind. Meines wäre das auf jeden Fall nicht. Aber wer es mag und es auslebt, ohne seine Mitmenschen damit zu belästigen - bitte sehr!

 

vor 13 Minuten, schrieb fritz679:

Und von DER Tabubrecher-Zeit überhaupt,- den 60er- und 70er-Jahren-, zehren wir doch diesbezüglich immer noch. 

Da gehe ich(Jahrgang 1954) mit Dir absolut konform. Im Augenblick wird doch allerorten krampfhaft bis hin zur Lächerlichkeit versucht, das Rad der Geschichte zurück zudrehen. Dabei geht es im Kern dieser Entwicklung doch nur im die Macht über Mitmenschen.

bearbeitet von rainbow_1954
Geschrieben
vor 13 Stunden, schrieb NikiLE:

Das mag einem befremdlich erscheinen, wenn ein Mensch, der eigentlich gerade Anlass zur Trauer hat, nach Sex giert - aber es ist tiefenpsychologisch erklärbar.

Mir ist es in der Tat äußerst befremdlich (wertungsfrei). Da geht bei mir gar nichts mehr. Sex ist bei mir ausschließlich mit Freude verknüpft, wenn die (zeitweise) weg ist, ist die Libido gleich null. Irgendwas muss bei mir in der Kindheit gewaltig schief gelaufen sein ;)

Geschrieben

Ich muß gestehen, zur Bewertung von Tabus im gesellschaftspolitischen Sinne keine gefestigte Meinung zu haben - schlicht weil das Tabu der Gesellschaft meine Aufmerksamkeit bislang weniger in Anspruch genommen hatte, als das Trauma des Einzelnen. Es scheint mir aber, wie schon in meinem ersten Beitrag zu diesem thread angedeutet, Parallelen zwischen Trauma und Tabu zu geben und vielleicht kann man vermuten, daß das Tabu ein "kollektives Trauma" sein könnte, das im "kollektiven Unbewußten" im Sinne C.G. Jungs durchaus einen Platz fände.

Das verleitet mich zu einer weiteren Analogie: aus der Traumatologie wissen wir, daß nicht jedes Trauma aus dem Unbewußten gegen den Widerstand der Abwehrmechanismen wieder zu Bewußtsein gebracht werden muß. Es gibt im Gegenteil Traumata, die für die Entwicklung des Menschen unumgänglich sind, ähnlich der "Kinderkrankheiten", die durchlitten werden müssen, weil sie im kindlichen Alter - heutezutage - harmlos sind, eine spätere Infektion u.U. sogar lebensgefährlich werden könnte. Das erste dieser infantilen Traumata ist regelmässig die Geburt - das letzte der Ödipus-Konflikt. Kaum jemand erinnert sich daran - ich bin insofern eine Ausnahme, weil ich eine vollständige Analyse meiner Kindheit absolviert habe. Das war ein hochgradig schmerzlicher Prozess, der bei mir jedoch the***utisch geboten gewesen war. Doch selbst bei "psychisch auffälligen" (zu denen ich ja auch gehöre) ist eine Analyse nicht immer indiziert und in einigen Fällen sogar kontraindiziert: sie darf nicht vorgenommen werden, weil das Wiedererleben der Traumata für diese Betroffenen einen noch viel größeren Schaden anrichten würde, als es die im unbewußten verborgenen Traumata tun könnten. Denn Traumata können im unbewußten konstruktiv verarbeitet werden - bei den Entwicklungstraumata ist dies die Regel. Gerade durch den Ödipus-Konflikt und seine Verarbeitung entsteht die "adulte Persönlichkeit", der erwachsene Mensch, den "die Gesellschaft", zumindest jede makrosoziale Gesellschaft benötigt. "Infantile Persönlichkeiten" sind zwar nicht vollkommen assozial, makrosoziale Instanzen jedoch werden von ihnen nicht anerkannt. Sie sind "geborene Anarchisten".

So darf man sich also die Frage vorlegen, ob es wirklich in jedem Falle sinnvoll ist, Tabus beseitigen zu wollen. Es gibt Tabus, die als solche zwar allgemein als Problemfälle bekannt sind, aber trotzdem von der Gesellschaft verleugnet werden wie Inzest und Kindesmißbrauch. Es gibt aber auch Tabus, die als solche der Allgemeinheit völlig unbekannt sind bzw für deren Fortgeltung massiv gekämpft wird, weil sie den aktuellen Paradigmen, die man als positive Spiegelbilder der Tabus verstehen kann, widersprechen. 

In der Frühzeit der Psychoanalyse war diese Behandlungsmethode nur den "besseren Ständen" vorbehalten gewesen. Meines Wissens war Ferenczi der erste Analytiker, der auch "Kassenpatienten" analysierte und sich damit die vehemente Gegnerschaft Freuds zuzog, bei dem eine Therapiestunde vor 1918 400 Kronen kostete - zu einer Zeit, in der das Jahresdurchschnittseinkommen eines Industriearbeiters 120 Kronen betrug. Darin kann man soziale Ungerechtigkeit und Arroganz des ziemlich ehrgeizigen Freud erblicken - aber es gibt auch noch einen tieferen und zugleich höheren Sinn hinter dieser von Freud beabsichtigten Beschränkung der Psychoanalyse auf die "gebildeten Stände": die Analyse ist für ihre Patienten selbst ein Trauma, das nur sehr schwer auszuhalten und zu verarbeiten ist. Dazu bedarf es nicht nur psychischer Stabilität sondern auch einer intellektuellen Leistungsfähigkeit, die überdurchschnittlich sein muß. Brutal ausgedrückt: bei dummen Menschen ist die Psychoanalyse stets kontraindiziert - zumindest glaube ich, daß Freud dies so gesehen hatte. Und leider verhielt es sich so, daß Freuds Zeitgenosse und Kollege Paul Julius Möbius den durchschnittlichen Geisteszustand des Deutschen zutreffend mit "leicht schwachsinnig" diagnostizieren mußte und ich bedauere ebenfalls, daß ich diese Diagnose auch heute noch für aktuell halten muß.

So wie die Analyse in den kontraindizierten Fällen sogar zur völligen Auflösung der psychischen Organisation, dem psychischen Tod führen kann, so kann eine "kontraindizierte" Abschaffung von Tabus eine makrosoziale Gesellschaft womöglich sprengen.

vor 29 Minuten, schrieb Thorben-Hendrik:

Mir ist es in der Tat äußerst befremdlich (wertungsfrei). Da geht bei mir gar nichts mehr. Sex ist bei mir ausschließlich mit Freude verknüpft, wenn die (zeitweise) weg ist, ist die Libido gleich null. Irgendwas muss bei mir in der Kindheit gewaltig schief gelaufen sein ;)

Ich würde Dich eher - insofern - als "total normal" beschreiben. Aber die Fälle, in denen auch "unlustvolle" Lebenssituationen starke sexuelle Erregung produzieren, sind so selten nicht. Die "Stressgeilheit" ist zB ein bekanntes Phänomen, von dem auch ich selbst betroffen bin. Ich habe bei jeder Examensklausur - ich habe beide juristischen Staatsexamina absolviert - mindestens 1x die Toilette zur Masturbation aufsuchen müssen, weil die Errektion schon schmerzlich geworden war. Ich glaube, man muß nicht unbedingt Jurist sein, um es als "total abartig" zu bewerten, wenn jemand von einer Examensklausur im Zivilprozeßrecht eine geradezu gußeiserne Errektion bekommt.

Geschrieben (bearbeitet)
vor 15 Minuten, schrieb NikiLE:

Ich würde Dich eher - insofern - als "total normal" beschreiben

Ach Du Sch..... , da habe ich mal wieder den Salat! ;)

vor 15 Minuten, schrieb NikiLE:

Ich glaube, man muß nicht unbedingt Jurist sein, um es als "total abartig" zu bewerten, wenn jemand von einer Examensklausur im Zivilprozeßrecht eine geradezu gußeiserne Errektion bekommt.

Na ja, "abartig" ist nicht ganz passend, weil es eine (negative) Wertung enthält (worunter Juristen ja ohnehin leiden). Ich würde eher zu "skurril" neigen, oder besser noch, zum Spock´schen "faszinierend!" :joy:

bearbeitet von Gelöschter Benutzer
Geschrieben
Am 18.12.2018 at 18:37, schrieb Selene09:

Grenzen lassen sich verschieben. Tabus sind für mich nicht diskussionswürdig!

so ist es. wenn es verschiebbar war, war es eine grenze. war es ein tabu und es wäre gebrochen worden, bricht meist auch der mensch 

Geschrieben
vor 34 Minuten, schrieb NikiLE:

So darf man sich also die Frage vorlegen, ob es wirklich in jedem Falle sinnvoll ist, Tabus beseitigen zu wollen. Es gibt Tabus, die als solche zwar allgemein als Problemfälle bekannt sind, aber trotzdem von der Gesellschaft verleugnet werden wie Inzest und Kindesmißbrauch.

Sehr gut formuliert. Das wirft dann gleichzeitig die Frage auf, ob man wirklich in jeder denkbar möglichen Angelegenheit "bis auf den Grund gehen" muss. Und natürlich auch die, ob alles wirklich notwendige erfasst wird. Oder in Form einer gesellschaftlichen Zensur durch die gezielt gewollte Tabuisierung doch wieder ausgeschlossen wird.

 

vor 36 Minuten, schrieb NikiLE:

In der Frühzeit der Psychoanalyse war diese Behandlungsmethode nur den "besseren Ständen" vorbehalten gewesen. Meines Wissens war Ferenczi der erste Analytiker, der auch "Kassenpatienten" analysierte und sich damit die vehemente Gegnerschaft Freuds zuzog, bei dem eine Therapiestunde vor 1918 400 Kronen kostete - zu einer Zeit, in der das Jahresdurchschnittseinkommen eines Industriearbeiters 120 Kronen betrug. Darin kann man soziale Ungerechtigkeit und Arroganz des ziemlich ehrgeizigen Freud erblicken - aber es gibt auch noch einen tieferen und zugleich höheren Sinn hinter dieser von Freud beabsichtigten Beschränkung der Psychoanalyse auf die "gebildeten Stände": die Analyse ist für ihre Patienten selbst ein Trauma, das nur sehr schwer auszuhalten und zu verarbeiten ist. Dazu bedarf es nicht nur psychischer Stabilität sondern auch einer intellektuellen Leistungsfähigkeit, die überdurchschnittlich sein muß. Brutal ausgedrückt: bei dummen Menschen ist die Psychoanalyse stets kontraindiziert - zumindest glaube ich, daß Freud dies so gesehen hatte. Und leider verhielt es sich so, daß Freuds Zeitgenosse und Kollege Paul Julius Möbius den durchschnittlichen Geisteszustand des Deutschen zutreffend mit "leicht schwachsinnig" diagnostizieren mußte und ich bedauere ebenfalls, daß ich diese Diagnose auch heute noch für aktuell halten muß.

Da geht es zunächst einmal um den schnöden Mammon - also rein zur Verschaffung wirtschaftlicher Vorteile durch den gezielten Ausschluß (angeblich) nicht Qualifizierter.

Und völlig richtig - nicht jeder Mensch verträgt die Wahrheit. Das kann psychische Gründe haben. Aber auch wieder wirtschaftliche.

Möbius hat sich vermutlich nur mit dem Geisteszustand der Deutschen befasst. Also eine eingeschränkte Betrachtungsweise. Andernfalls wäre er wohl darauf gekommen, dass das mehr oder weniger ständig weltweiter Standard ist. An dem sogar gebildete Menschen teilhaben. Es äußert sich halt in unterschiedlichen Formen und Verhaltensweisen. Und natürlich ist eine derartige Betrachtungsweise immer subjektiv.

Geschrieben

Ich möchte mal als Schlaglicht ein singuläres, nicht repräsentatives Beispiel für ein solches Tabu benennen, das mir bei meinen Studien begegnet ist, nämlich den Inzest unter Erwachsenen. Damit meine ich hier den generationsüberschreitenden Inzest "im engeren Wortsinne": sexuelle Beziehungen von Eltern und erwachsenen Kindern. Charmanterweise sind diese Beziehungen in der BRD - soweit ich das noch übersehe - noch nicht einmal verboten; verboten ist lediglich die vaginale Penetration aus eugenischen Gründen. Alle anderen Praktiken sind "total legal" - gleichwohl ist Inzest ein strenges Tabu. Dies ist auch ein gutes Beispiel für das Auseinanderfallen von staatlicher Norm und Tabu.

Tiefenpsychologisch gesehen hat jedoch der Inzest auch bei einem erwachsenen Inzestkind idR eine Regression zur Folge: das Inzestkind wird durch den Inzest wieder zum Kind, die Eltern-Kind Beziehung aus der Kindheit, die in der Pubertät zugunsten exogamer Beziehungen aufgegeben wurde, lebt wieder auf - und bleibt als lebenslange und im emotionalen Sinne exklusive Bindung erhalten. Das habe ich nicht nur der Literatur entnehmen können, sondern auch in meinem früheren Leben beobachten dürfen: eine frühere (Beziehungs-)Freundin, mit der über lange Jahre eine sehr warmherzige Freundschaft unterhalten hatte, war eine solche Inzest-Mutter gewesen und ihren Inzest-Sohn wurde sie nie mehr los. Alle Versuche der Abnabelung blieben vergebens, die Wohnung und Sexualgemeinschaft der beiden wurde immer wieder von neuem aufgenommen. Verstirbt der Elter einer solchen Inzestbeziehung  vor seinem Inzest-Kind, was rein biologisch ja wohl die Regel sein dürfte, dann bleibt das Inzestkind als "hilflose Waise" zurück.

Die vordergründig emanzipatorische Haltung, daß es doch heutezutage unsinnig sei, Erwachsenen die Sexualität untereinander zu verbieten, nur weil sie miteinander verwandt sind, verkennt indessen diese tiefenpsychologischen Implikationen. Der Bruch dieses Tabus durch Einzelne oder "die Gesellschaft" im Rahmen sexualemanzipatorischer Bewegungen und Reformen hätte also enorm tiefgreifende und letztlich fatale Folgen. Die Straffreiheit der Inzestbeziehung "an sich" bleibt m.E. jedoch sinnvoll: weil, wie dargestellt: wenn eine solche Inzestbeziehung einmal eingegangen wurde, ist sie für das Inzestkind nicht mehr zu lösen, eine Strafbewehrung würde eine sinnlose Quälerei bedeuten. Die Wirkungen des gesellschaftlichen Tabus scheinen mir vielmehr zu genügen, um dem Entstehen solcher Bindungen entgegenzuwirken.

Geschrieben

Natürlich gibt es Tabus, über die wir nicht weiter reden müssen, die Offensichtlichen, gesetzlich Geregelten. Punkt.

Dann gibt es andere, die jeder persönlich für sich definiert - ich zum Beispiel möchte nicht und werde nie mit Kacke panschen.

Aber dann gibt es eben auch Dinge, die unser Hirn zunächst für sich ausschließt. Das mag gesellschaftlich bedingt sein, erzieherisch begründet oder auf einer schlechten Erfahrung basieren, was auch immer. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es tatsächlich Spaß macht, diese vermeintlichen Grenzen zu überschreiten. NS hatte ich den Großteil meines Lebens für mich ausgeschlossen, ich fand die Vorstellung einfach eklig, sowohl aktiv als auch passiv. Vor kurzem erst habe ich mich diesem "Tabubruch" zum ersten Mal gestellt - mit einem geliebten Menschen, in einer sexuell aufgeladenen Stimmung, im Badezimmer (vollgepisste Laken brauche ich nach wie vor nicht). Ich habe den Moment als extrem intim und zärtlich erlebt, war mir dieser Grenzüberschreitung gleichermaßen bewusst - und habe genau daraus auch einen Kick gezogen.

Um also die ursprüngliche Frage zu beantworten: Ich finde, es hat was, den Kopf aufzumachen und zuzulassen, auszuprobieren, auszuleben, was andere nie wagen würden...

Alles Liebe,

Lena

Geschrieben
vor 19 Minuten, schrieb LenaMark69:

zuzulassen, auszuprobieren, auszuleben, was andere nie wagen würden...

Probieren, woran man Interesse hat, auf jeden Fall ja. Viele Menschen lehnen ja schon im Vorfeld ab, ohne da überhaupt mal eigene Erfahrungen gesammelt zu haben. Das kann dann auch zu einem regelrechten Terror ausarten. ("ICH HABE RECHT!!!" obwohl ich von der Sache nicht die geringste Ahnung habe.......)

Andererseits sollte man auch nicht alles mitmachen müssen, was im Augenblick gerade "schicke Scheiße" und damit "bedingungslos in" ist.

 

Ich gehe jetzt zum Mittagessen :$

Geschrieben

Eigentlich wollte ich nichts zu diesem Thema sagen, weil erstens mir der EP echt unheimlich ist. Und zweitens die Wenigsten den Begriff „Tabu“ so nutzen, wie die eigentliche Bedeutung ist. Aber jetzt finde ich es doch interessant zu lesen. 

 

Ich bin nicht bereit, mich von einem anderen Menschen mit allen Mitteln (...wie auch immer...) zu etwas bringen zu lassen, was ich für mich ausschliesse. Ich würde das aber nicht als ein selbstgemachtes Tabu bezeichnen, was mich hindert, etwas Bestimmtes zu tun, sondern meine eigene Grenze.

Ich nehme ja etwas nicht einfach hin, weil „es schon immer so war“ oder es verboten ist, auch nur daran zu denken, sondern eine Grenze ist bei mir erreicht, weil ich mich damit beschäftigt habe, weil ich darüber nachgedacht habe oder diesbezügliche Situationen im Kopf durchgespielt habe. Und festgestellt habe, diese Sache geht nicht für mich, ekelt mich an, ängstigt mich, bringt mich in moralische Konflikte oder wird mir (auch körperlich) nicht guttun.

Wenn mich ein anderer Mensch bricht, weil er mich befreien will, dann hat er mich lediglich gebrochen. Befreien kann ich mich nur selber, wenn ich mich ohne Zwang mit meinen eigenen Grenzen beschäftige und sie dann freiwillig verändern , erweitern oder verschieben kann. 

Geschrieben
vor 7 Stunden, schrieb rainbow_1954:

Das mag vielleicht beim katholischen Pfaffengesindel  der Fall  bezüglich ihrer Vorstellung von der Unterwürfigkeit ihrer Schutzbefohlenen(!!!)  gewesen sein. Und heute wieder bei manchen Politikern hinsichtlich der Hirnlosigkeit ihrer Wähler. Bei dem Leben nahestehenden Menschen war das noch nie der Fall!! Vielleicht auch ganz besonders deswegen setze ich mich nahezu immer intensiv damit auseinander, wenn etwas zu einem Tabu erklärt wird! Weil jedem Tabu direkt oder indirekt auch der Versuch der Unterdrückung der Mitmenschen anhaftet. Natürlich nicht bei den vom TE zitierten Themen, die schon etwas sehr speziell sind. Meines wäre das auf jeden Fall nicht. Aber wer es mag und es auslebt, ohne seine Mitmenschen damit zu belästigen - bitte sehr!

 

Da gehe ich(Jahrgang 1954) mit Dir absolut konform. Im Augenblick wird doch allerorten krampfhaft bis hin zur Lächerlichkeit versucht, das Rad der Geschichte zurück zudrehen. Dabei geht es im Kern dieser Entwicklung doch nur im die Macht über Mitmenschen.

Regelübertretungen oder Realitätsverweigerungen sind regelmäßig keine Tabubrüche,- auch nicht wenn wer sie so nennt-, sondern erfolgen ebenso regelmäßig um anderweitig bestehende Tabus aufrecht erhalten zu können.

Geschrieben
vor 13 Minuten, schrieb fritz679:

Regelübertretungen oder Realitätsverweigerungen sind regelmäßig keine Tabubrüche,- auch nicht wenn wer sie so nennt-, sondern erfolgen ebenso regelmäßig um anderweitig bestehende Tabus aufrecht erhalten zu können.

Allerdings ist es dann ja auch so, dass wenn jemand ein Tabu überhaupt bedenkt, geschweige denn "bricht", es im Sinne der Definition kein Tabu (mehr) sein kann und folglich auch kein Tabubruch vorliegt. Daraus würde folgen, dass es kein Tabu (mehr) ist, wenn es auch nur eine einzige Person es hinterfragt (mit welchem Ergebnis auch immer). Oder noch konsequenter, Tabus wären dann in Strenge per se faktisch nicht existent, weil es immer Querköppe gibt.

Klar, das wird dann langsam echt rabulistisch ... :D

Geschrieben (bearbeitet)
vor 53 Minuten, schrieb Thorben-Hendrik:

Oder noch konsequenter, Tabus wären dann in Strenge per se faktisch nicht existent, weil es immer Querköppe gibt.

Für den, der sie bricht und das Verbotene auslebt, sind sie natürlich nicht mehr existent. Inwieweit das mit dem Gesetz, den gesellschaftlichen Erwartungen oder einfach mit der Meinung oder den Wünschen der Partnerin/des Partners übereinstimmt, muss dann natürlich Jeder für sich selbst entscheiden.

Ich persönlich habe die Teilnahme an der Beerdigung meines Vaters verweigert. Auch das ist ein gesellschaftliches Tabu. Das war vor bald 30 Jahren. Nachgetragen hat es mir bis Heute keiner. Ich bin mir sehr sicher, dass da noch ein paar mehr waren, die allen Grund gehabt hätten, das gleiche zu tun. Nur hat sich von denen wohl hauptsächlich der gesellschaftlichen Werte wegen keiner getraut, das auch zu machen.

 

vor einer Stunde, schrieb fritz679:

Regelübertretungen oder Realitätsverweigerungen sind regelmäßig keine Tabubrüche,- auch nicht wenn wer sie so nennt-, sondern erfolgen ebenso regelmäßig um anderweitig bestehende Tabus aufrecht erhalten zu können. 

Vielleicht haben aus diesem Grund im Mittelalter die katholischen Mönche die Nonnen so fleißig gevögelt - um die Tabus für die einfachen Gläubigen außerhalb der Klostermauern glaubwürdig aufrecht halten zu können.

bearbeitet von rainbow_1954
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