Jump to content

Altmark-Träume: Wo die Lust die Liebe fand 9/10


Th****

Empfohlener Beitrag

Der Text ist zu heiß

Um weiterlesen zu können benötigst Du einen Account.
Jetzt kostenlos registrieren!

Jetzt registrieren

9. Ein Brief im Spätherbst

Ein Jahr war vergangen. Ein Jahr, das für Anna und Ingrid wie eine sanfte, heilende Flut gewesen war, die alle scharfen Kanten der Vergangenheit rundgeschliffen und eine neue, stabile Küste geschaffen hatte. Die Jahreszeiten hatten ihren Zyklus durchlaufen – der heiße Sommer ihrer ersten Begegnung war einem goldenen Herbst und einem milden Winter gewichen, und nun stand wieder der November vor der Tür, mit seinen nackten Bäumen und dem bleigrauen Himmel über der Altmark.
In diesem Jahr hatte sich vieles verfestigt. Die Scheidungen waren rechtskräftig. Aus Annas Reihenhaus war ein gemeinsames Zuhause geworden. Ingrids zurückhaltende Eleganz und Annas praktische Strenge hatten sich zu einem harmonischen, warmen Stil vermischt. Sie hatten Routinen entwickelt: gemeinsames Frühstück am Wochenende, abendliche Spaziergänge mit einem alten Hund, den sie aus dem Tierheim geholt hatten, stundenlanges Lesen auf dem Sofa, die Beine ineinander verschlungen. Ihre Liebe hatte sich von der anfänglichen, stürmischen Leidenschaft in eine tiefe, ruhige Verbundenheit verwandelt, die ebenso leidenschaftlich, aber beständiger war.  Die Blicke und das Getuschel im Dorf waren leiser geworden, wenn auch nicht verstummt. Man hatte sich daran gewöhnt, die beiden Frauen zusammen zu sehen. Sie waren einfach „Anna und Ingrid“ geworden, eine Einheit. Der Supermarkt war kein Ort heimlicher Küsse mehr, sondern der Ort, an dem sie gemeinsam den Wocheneinkauf erledigten, sich über Rezepte austauschten und mit den anderen, freundlicheren Nachbarn plauderten. Das Leben war gut. Es war einfach und es war ihr Leben.  An diesem kalten, nebligen Samstagvormittag holte Ingrid die Post aus dem Briefkasten. Rechnungen, Werbung, eine Postkarte von einer ehemaligen Kollegin aus dem Urlaub. Und ein schlichter, weißer Umschlag mit dem gedruckten Absender einer Klinik, deren Name ihr bekannt vorkam, aber die sie nie bewusst abgespeichert hatte. Eine psychiatrische Fachklinik in einer Stadt etwa hundert Kilometer entfernt.
Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter, obwohl die Heizung im Flur surrte. Sie ging in die Küche, wo Anna am Tisch saß und die Zeitung las.
„Post“, sagte Ingrid, ihre Stimme ein wenig flacher als gewöhnlich.
Anna sah auf, ihr Lächeln verebbte, als sie Ingrids Gesichtsausdruck sah. „Was ist?“. Ohne ein Wort legte Ingrid den weißen Umschlag auf den Tisch. Beide starrten ihn an, als könnte er explodieren. Die Luft in der warmen, nach Kaffee duftenden Küche schien sich zu verdicken.
„Soll ich…?“, fragte Anna schließlich.  Ingrid nickte stumm.  Anna nahm das Küchenmesser, schlitzte den Umschlag mit einer präzisen, fast chirurgischen Bewegung auf und zog ein einziges, maschinengeschriebenes Blatt heraus. Sie überflog es, ihre Augen wurden schmaler, ihre Lippen pressten sich aufeinander. Dann reichte sie Ingrid den Brief wortlos.
Es war kein persönlicher Brief. Es war ein standardisiertes Schreiben der Klinikverwaltung, adressiert an „Frau Ingrid Meier, in Vertretung als nächste Angehörige“. Die Sprache war nüchtern, sachlich, voller medizinischer und juristischer Floskeln.   „… teilen Ihnen mit, dass Herr Torsten Meier, geboren am …, Patient unserer Einrichtung, am … verstorben ist.
… im Rahmen seiner stationären Behandlung untergebracht … ausgeprägte wahnhafte Störung … akute Selbstgefährdung … trotz intensiver Beobachtung und the***utischer Maßnahmen … in der Nacht zum … einen Akt der Selbsttötung begangen … durch Erhängen in seiner Einzelzelle … zum Zeitpunkt des Auffindens bereits leblos … Reanimation erfolglos …
… unser aufrichtiges Beileid … Fragen zur Überführung und zu den Formalitäten … stehen Ihnen gerne zur Verfügung …“
Die Worte tanzten vor Ingrids Augen. Verstorben. Selbsttötung. Erhängen. Nüchterne, grausame Worte, die eine grausame, einsame Tat beschrieben. Sie ließ den Brief sinken. Ihre Hände zitterten nicht. Sie fühlte sich seltsam leer, wie ausgebrannt.
„Oh, Ingrid“, flüsterte Anna. Sie stand auf, trat hinter Ingrids Stuhl und legte ihre Arme fest um sie. Nicht zärtlich, sondern haltend, als könnte sie sie vor einem unsichtbaren Sturm schützen.  Ingrid lehnte sich in die Umarmung. Sie schloss die Augen. Keine Tränen kamen. Stattdessen sah sie Bilder: Torsten, wie er vor Jahren lachend einen Grill angeworfen hatte. Torsten, wie er schweigend vor dem Fernseher saß. Torsten, wie er in der Ziegelei im Dreck lag, sein Gesicht eine Maske aus Schmutz und Erniedrigung. Und dann dieses letzte, entsetzliche Bild, das ihr Gehirn aus den kargen Informationen des Briefes konstruierte: Er, allein in einer kahlen Zelle, in der Dunkelheit, wie er… Sie schüttelte den Kopf, um das Bild zu vertreiben.
„Ich… ich sollte traurig sein, oder?“, sagte sie tonlos. „Er war mein Mann. Fast dreißig Jahre.“. Anna drückte sie fester. „Du kannst fühlen, was du fühlst. Oder auch nichts. Es gibt da keine Regel.“
„Ich fühle… nichts. Eine Leere. Und… eine furchtbare Wut.“ Die letzteren Worte kamen überraschend, mit einer Heftigkeit, die sie selbst schockierte. „Eine Wut, dass er das getan hat. Dass er es so weit hat kommen lassen. Dass er sich so… weggeworfen hat.“ Sie drehte sich in Annas Armen um und sah ihr ins Gesicht. „Ist das schrecklich?“
„Nein“, sagte Anna bestimmt. „Das ist menschlich. Er hat nicht nur sich selbst zerstört. Er hat auch dich zerstört, oder zumindest versucht. Das darf dich wütend machen.“. Sie sprachen lange an diesem Tag. Über Torsten. Über die Ehe, die eine Hülle geworden war. Über die seltsame, perverse Parallelwelt, die er sich geschaffen hatte, und wie sie beide, auf völlig unterschiedliche Weise, darin gefangen gewesen waren. Sie sprachen über Schuld – und kamen zu dem Schluss, dass es keine gab, die sie zu tragen hatten. Torsten war ein erwachsener Mann gewesen, der seine eigenen Entscheidungen getroffen hatte. Entscheidungen, die ihn schließlich in die Dunkelheit geführt hatten.  Ingrid rief die Klinik an. Die Stimme am anderen Ende der Leitung war professionell, aber nicht ohne Mitgefühl. Man bestätigte die Fakten. Es habe keine Ankündigung gegeben, keinen Abschiedsbrief. Nur den zunehmenden Wahn, die fixe Idee, dass „sie“ ihn holen kämen, dass die Demütigungen in der Ziegelei nicht aufhören würden, selbst hier nicht. Er sei in der Nacht von den Pflegern bei der Routinekontrolle entdeckt worden. Alles sei getan worden. Es gebe eine Obduktion. Die Leiche liege im städtischen Leichenschauhaus. Was wünsche die Angehörige?  Ingrid wünschte nichts. Sie war nicht mehr die nächste Angehörige. Sie war die geschiedene Ex-Frau. Sie bat darum, dass die Klinik die Formalitäten gemäß den gesetzlichen Bestimmungen für alleinstehende Verstorbene regeln möge. Eine Überführung in den Heimatort sei nicht gewünscht. Eine anonyme Feuerbestattung, die Kosten würden aus der hinterlassenen, ohnehin überschaubaren Summe auf Torstens Konto beglichen. Sie wollte keine Urne. Sie wollte keine Trauerfeier. Sie wollte Abschluss.  Die Frau am Telefon schien nicht überrascht. Solche Fälle gab es oft. Sie versprach, alles zu veranlassen und die entsprechenden Dokumente zuzusenden.  Als Ingrid den Hörer auflegte, war es vollbracht. Mit wenigen nüchternen Sätzen hatte sie die letzten materiellen Fäden zu Torstens Existenz durchtrennt. Es fühlte sich nicht grausam an. Es fühlte sich notwendig und endgültig an.  In den folgenden Tagen sickerte die Nachricht durch das Dorf. Durch die Schwester einer Nachbarin, die in der Klinik arbeitete. Durch den Pfarrer, der informiert worden war. Die Reaktionen waren gemischt. Einige ältere Nachbarn sahen Ingrid mit einem seltsamen Mix aus Mitleid und Vorwurf an. Wie konnte sie nur? Ihren Mann so allein lassen? Die meisten aber reagierten mit einem achselzuckenden Bedauern. Torsten war ohnehin immer ein seltsamer Kauz gewesen. Tragisch, ja. Aber auch irgendwie absehbar.  Anna war ihr Fels in dieser Zeit. Sie lenkte Ingrid ab, wenn die Gedanken zu düster wurden. Sie kochte ihre Lieblingsgerichte. Sie hielt sie nachts fest, wenn Ingrid doch aus Alpträumen hochschreckte – nicht von Torsten, sondern von namenlosen, drohenden Schatten. Sie redete nicht ständig darüber, sondern schuf eine normale, liebevolle Routine, die Ingrid Halt gab.  Einige Wochen später, als die ersten Schneeflocken des Winters tanzten, kam ein weiterer Brief. Das offizielle Schreiben der Behörde, das den Tod bescheinigte und die Erledigung aller Formalitäten bestätigte. Eine Rechnung für die Bestattungskosten, bereits bezahlt. Ein Vermerk, dass die persönlichen Gegenstände des Verstorbenen – eine Uhr, eine Brieftasche mit wenigen Euros, ein abgenutzter Ehering – vernichtet worden seien, da keine Angehörigen sie abholen wollten.  Ingrid nahm den Brief und legte ihn zu den anderen Dokumenten in eine alte Schachtel, die sie „Vergangenheit“ betitelte. Dann ging sie zum Kamin, in dem Anna bereits ein Feuer entfacht hatte. Sie nahm den Brief noch einmal heraus, betrachtete ihn für einen langen Moment, dann legte sie ihn behutsam in die Flammen. Das Papier kräuselte sich, wurde schwarz, löste sich in glühende Asche auf und stieg den Schornstein hinauf.  Anna beobachtete sie vom Sofa aus. „Bist du okay?“. Ingrid schaute in die Flammen. „Ja“, sagte sie, und diesmal meinte sie es. „Ich bin okay.“ Sie fühlte keine Erlösung. Keine große Befreiung. Sie fühlte nur die stille, traurige Gewissheit, dass ein langes, schmerzvolles Kapitel endgültig zu Ende war. Ein Kapitel, das mit einer Liebe begonnen hatte und in Wahnsinn und Einsamkeit geendet war.

Sie ging zu Anna, setzte sich neben sie und legte den Kopf an ihre Schulter. Annas Arm legte sich um sie. Draußen fiel der Schnee leise und deckte die Welt mit einem sauberen, weißen Tuch zu. Drinnen knisterte das Feuer, warf warme, tanzende Schatten an die Wand, und die beiden Frauen schwiegen in einem stillen Einverständnis. Der Brief war verbrannt. Die Asche würde fortgeweht werden. Das Leben, ihr gemeinsames Leben, ging weiter. Es war nicht immer einfach gewesen, der Weg hierher. Aber sie waren angekommen. Und das war alles, was zählte.

×
×
  • Neu erstellen...