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Altmark-Träume: Wo die Lust die Liebe fand 8/10


Th****

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Der Text ist zu heiß

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8. Das Ende der Geheimnisse und der Beginn von etwas Neuem

Die Luft in der Altmark schien klarer geworden zu sein, als hätte ein Gewitter all den Staub und die stickige Schwüle der vergangenen Monate fortgewaschen. Für Ingrid und Anna war es eine innere Klarheit, die sich in ihrer Welt ausbreitete. Die Geheimnisse, die sie zuerst verbunden und dann erdrückt hatten, waren gefallen. In der Intimität von Annas Bett, zwischen zärtlichen Küssen und den warmen, ineinander verschlungenen Gliedern, hatte Anna alles erzählt.  Sie erzählte von Torstens heimlichen Besuchen, nicht als Geständnis, das Angst vor Urteil suchte, sondern als eine Art Befreiungsritual. Sie beschrieb die kalte, transaktive Atmosphäre – das perfekte Zuhause als Bühne für seine perversesten Fantasien. Sie sprach von ihrem eigenen Hunger, der damals so groß war, dass er jede Form von Aufmerksamkeit verschlang, selbst die einer so verdrehten wie Torstens. Sie erzählte von dem, was er von ihr wollte: die strenge Dominanz, die Erniedrigung, den Natursekt, die schmerzhafte, gefühllose Penetration. Und dann, mit einer Stimme, die weicher wurde, berichtete sie von dem, was sie ihm geben wollte und nie durfte: Zärtlichkeit, Nähe, ein Gespräch nach dem Sex, das mehr war als ein schnelles Aufräumen. Sie hatte versucht, ihn zu lieben, oder zumindest, eine Art von emotionaler Verbindung aus dem Dreck zu ziehen, und war jedes Mal auf eine Mauer aus Abwehr und Ekel gestoßen.
„Er wollte keine Liebe“, sagte Anna an einem dieser Abende, während ihre Finger sanft Kreise auf Ingrids nacktem Rücken zogen. „Er wollte nur einen Spiegel für seine eigene Verdorbheit. Ich war für ihn wie… wie ein besonders schmutziges Werkzeug. Und als ich anfing, Gefühle zu zeigen, war ich kaputt für ihn. Wegwerfartikel.“. Ingrid hörte zu, und anstatt Eifersucht oder Wut zu empfinden, spürte sie nur ein tiefes, fließendes Mitleid – für Anna, die so benutzt worden war, und seltsamerweise auch für Torsten, der so gefangen in seiner eigenen Hölle war, dass er die Hand, die ihn vielleicht hätte herausziehen können, wegstieß. Sie drückte Anna fester an sich. „Das ist vorbei“, flüsterte sie. „Das ist alles vorbei.“
Und es war vorbei. Mit einer Endgültigkeit, die fast erschreckend war. Anna war nicht nur froh, dass es mit Torsten zu Ende war; sie war erleichtert, befreit. Die Erfahrung mit Ingrid hatte ihr eine neue Landkarte der Intimität gezeigt. Hier gab es keine Machtspiele, die in Demütigung endeten, keine einseitige Ausbeutung. Hier war ein Geben und Nehmen, ein sich gegenseitig Verwöhnen und Stärken. Die Lust, die sie zusammen fanden, war heiß, oft schamlos leidenschaftlich, aber sie war in einem Fundament aus Zuneigung und Respekt verankert. Sie hatten sich, wie es den Anschein hatte, wahrhaftig ineinander verliebt.
Diese Liebe war so lebendig, dass sie nicht hinter verschlossenen Türen bleiben wollte. Sie sickerte in ihren Alltag. Beim Einkaufen im Supermarkt, zwischen den Regalen mit Konserven und Waschmitteln, tauschten sie kleine, süße Verbrechen aus. Ein flüchtiger Kuss, versteckt hinter einem Hochregal mit Toilettenpapier, wenn gerade niemand in der Gasse war. Ein liebevoller, zärtlicher Klaps auf Ingrids Po, wenn sie sich bückte, um etwas aus dem unteren Fach zu nehmen, begleitet von einem verschwörerischen Funkeln in Annas Augen. Ein Streifen der Finger über den Handrücken beim Bezahlen an der Kasse. Es waren winzige Gesten, aber für beide von ungeheurer Bedeutung. Sie waren Zeichen einer Normalität, die ihre Beziehung nie haben würde, aber auch Beweise dafür, dass das Glück, das sie gefunden hatten, real und im Hier und Jetzt verankert war.
Ingrid hatte das Thema Torsten in ihrem Herzen abgeschlossen. Die Frau, die jahrelang aus Pflichtgefühl und Bequemlichkeit an seiner Seite geblieben war, existierte nicht mehr. An ihre Stelle war eine getreten, die wusste, was sie wollte und was sie verdiente. Die Scheidung bahnte sich an wie ein Zug, der unaufhaltsam auf ein feststehendes Ziel zurollte. Es gab keine Tränen mehr, keine langen Diskussionen. Nur eine nüchterne, traurige Gewissheit und eine große Erleichterung.
Auch Anna hatte genug vom Warten, vom Alleinsein in dem schönen, leeren Haus. Eines Abends, nachdem sie und Ingrid gemeinsam gekocht und gegessen hatten, setzte sie sich an den Laptop und schrieb ihrem Mann Ole eine lange, ehrliche E-Mail. Sie schrieb von der Einsamkeit, die größer war als die Entfernung zwischen Norwegen und Deutschland. Sie schrieb von der Leere, die kein Skype-Anruf füllen konnte. Und dann schrieb sie, ohne ihn beschuldigen zu wollen, von der neuen Liebe, die sie gefunden hatte. Von Ingrid. Von dem Glück, das so überwältigend und real war, dass es alle Konventionen und Erwartungen über den Haufen warf. Sie bat um Verständnis und schlug eine einvernehmliche Trennung vor.  Die Antwort von Ole kam schneller, als sie erwartet hatte. Er schrieb zurück, ruhig und gefasst, fast erleichtert. Er schrieb, dass er es schon länger geahnt habe, dass die Distanz zu groß geworden sei. Und dann, in einem bemerkenswerten Akt gegenseitiger Offenbarung, gestand auch er: „Ich habe hier auf der Plattform auch jemanden kennengelernt. Es ist anders. Es ist… gegenwärtig. Ich verstehe dich, Anna. Ich akzeptiere es. Lass uns in Ruhe und im Guten auseinandergehen.“
Als Anna Ingrid diese Mail vorlas, weinten beide. Es waren Tränen der Trauer über das Ende von etwas, das einmal begonnen hatte, aber vor allem Tränen der ungläubigen Freude und der ungeheuren Erleichterung. Der Weg war frei. Nicht nur theoretisch, sondern praktisch, emotional, rechtlich. Es gab keine bösen Geister mehr, die sie aufhalten konnten.

In der Ziegelei: Der Absturz
Während sich für Ingrid und Anna eine neue, sonnige Zukunft auftat, vollzog sich in Torstens verborgenem Leben ein unaufhaltsamer Absturz. Die regelmäßigen Fahrten zur alten Ziegelei waren keine befreienden Ausbrüche mehr, sondern zwanghafte Pilgerfahrten in seinen eigenen persönlichen Abgrund. Der Rausch der ersten Male war einer dumpfen, mechanischen Routine gewichen, die immer extremere Dosen brauchte, um noch einen Funken von Erregung zu erzeugen.  Bernd, Susanne und Ines waren keine Komplizen mehr; sie waren seine Aufseher, seine Folterknechte, und er ihr williger Häftling. Die Demütigungen wurden krasser, die „Spielzeuge“ größer und schmerzhafter, die verbale Erniedrigung giftiger. Was einst als schmutziger Spaß begonnen hatte, war zu einer brutalen, seelenlosen Prozedur verkommen. Torsten war nicht mehr der Mann, der heimlich seine Tabus brach; er war ein leerer Behälter, der darauf wartete, mit Abfall gefüllt zu werden.  Er merkte von den Veränderungen in seinem „normalen“ Leben nichts. Ingrids distanzierte Höflichkeit interpretierte er als gewohnte Gleichgültigkeit. Ihr gesteigertes Selbstbewusstsein, die neuen, leichteren Kleider, die sie manchmal trug, blieben ihm verborgen. Sein Geist war so sehr auf die nächste Dosis Schmerz und Erniedrigung fixiert, dass die reale Welt um ihn herum verblasste.
Doch der Körper und die Psyche halten nicht alles aus. Die Kombination aus extremem psychischen Stress, mangelnder Selbstfürsorge und den körperlichen Strapazen der Treffen zeigte ihre Wirkung. Torsten begann, krank zu werden. Es begann mit Schlaflosigkeit und Alpträumen, in denen die Gesichter von Bernd und Ines zu Fratzen verschmolzen. Dann kamen die Angstattacken, mitten am Tag, beim Frühstück oder beim Fernsehen – plötzliche, lähmende Schweißausbrüche und das Gefühl, ersticken zu müssen. Er vernachlässigte seine Hygiene, aß kaum noch. Seine Hände zitterten permanent.  Der finale Zusammenbruch kam nach einem besonders brutalen Treffen. Bernd hatte „Gäste“ mitgebracht, zwei fremde, grinsende Männer, die Torsten wie ein Stück Fleisch behandelt hatten. Als er Stunden später, zitternd und mit blutenden Verletzungen, sein Auto erreichte, brach er auf dem Fahrersitz zusammen. Er konnte nicht mehr fahren. Er konnte kaum noch atmen. Ein benachbarter Landwirt, der spät von der Arbeit kam, fand ihn und rief den Notarzt.
In der Klinik diagnostizierten die Ärzte zunächst körperliche Erschöpfung und eine schwere Infektion. Doch als Torsten im Fieberwahn anfing, zusammenhangslos von „der Ziegelei“, von „Schlägen“ und davon zu reden, „dass sie ihn ganz kaputt machen wollten“, wurde ein Psychiater hinzugezogen.  Die Diagnose war ein komplexes Gemisch aus einer schweren depressiven Episode, einer posttraumatischen Belastungsstörung (ausgelöst durch die selbstgewählten, aber traumatisierenden sexuellen Praktiken) und den Anfängen einer wahnhafte Störung. Torsten war nicht mehr in der Lage, zwischen seiner realen und seiner Fantasiewelt zu unterscheiden. Die schmutzige Fiktion der Ziegelei hatte seine Realität überwuchert und zerstört.  Er wurde in die geschlossene Psychiatrie einer größeren Stadt verlegt. Ingrid wurde informiert. Sie besuchte ihn einmal, in dem kahlen, sterilen Besucherraum. Er sah alt und gebrochen aus, seine Augen waren leer und voller einer unbegreiflichen Angst. Er erkannte sie, aber er sprach nicht mit ihr. Er flüsterte nur immer wieder: „Sie kommen mich holen. Sie wissen, wo ich bin.“
Ingrid verließ die Klinik mit einem Stein im Herzen, aber ohne Tränen. Die Trauer um den Mann, den sie einmal geliebt hatte, war lange vorbei. Was sie fühlte, war das bedrückende Ende einer Tragödie, an deren Verlauf er aktiv mitgewirkt hatte. Sie unterschrieb die notwendigen Papiere für seine Behandlung und ließ ihn in professioneller Obhut. Für sie war das Kapitel Torsten endgültig abgeschlossen.

Der neue Anfang

Wenige Wochen später stand Ingrid vor dem leeren Haus, das sie so viele Jahre mit Torsten geteilt hatte. Die Möbelwagen waren gekommen und gegangen. Ihre Sachen, die wenigen, die sie behalten wollte, waren bereits bei Anna. Sie schloss die Tür zum letzten Mal ab und steckte den Schlüssel in einen Umschlag für den Makler.  Sie stieg in ihr Auto und fuhr nicht in eine ungewisse Zukunft, sondern nach Hause. Zu Anna. Zu dem Reihenhaus am Ortsrand, das nun ihr gemeinsames Zuhause war. Ole hatte seine Einwilligung zur schnellen Scheidung gegeben, die Anwälte waren am Werk. Der Papierkram würde noch eine Weile dauern, aber die wesentlichen Hürden waren genommen.  Als sie die Einfahrt hinauffuhr, stand Anna bereits in der offenen Tür. Sie trug eine alte, ausgeleierte Jeans und eines von Ingrids Hemden, das ihr zu groß war. Ihr Lächeln war das strahlendste, was Ingrid je gesehen hatte.
„Alles erledigt?“, fragte Anna leise, als Ingrid ausstieg.
Ingrid nickte, ging auf sie zu und küsste sie, lang und zärtlich, dort wo es jeder sehen konnte. „Alles erledigt.“. Sie gingen hinein, Hand in Hand. Die Tür fiel ins Schloss und schnitt die Vergangenheit ab. Drinnen roch es nach frisch gebackenem Brot und Kaffee. Die Sonne fiel durch die großen Fenster und tauchte den Raum, der einmal nur Annas Einsamkeit beherbergt hatte, in warmes, goldenes Licht. Es war nicht perfekt. Es gab noch Blicke im Supermarkt, getuschelte Kommentare. Die rechtliche Lage war ungewöhnlich. Aber es war echt.
Und während Torsten in seinem sterilen Krankenzimmer gegen die Geister seiner eigenen, verdrehten Fantasien kämpfte, begann für Ingrid und Anna ein gemeinsames Leben. Ein Leben, das nicht in der Dunkelheit einer Ruine oder im verborgenen Leid einer unerfüllten Ehe stattfand, sondern im warmen, hellen Licht eines selbst gewählten Glücks. Der Weg dahin war schmutzig und schmerzhaft gewesen, aber er hatte sie schließlich an den richtigen Ort geführt: zueinander.

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