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verfallen (9/10)

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Geschrieben

Gerade noch rechtzeitig erreichte Monika den Zug Richtung Neustrelitz. Sie kam schon lange nicht mehr so aus der Puste. Sie setzte sich in ein leeres Abteil, denn am wenigsten konnte sie jetzt irgendwelche Gespräche von gelangweilten Rentnern gebrauchen. Sie musste sich zusammenreißen und überlegen, was sie jetzt tun konnte. „Ok“, sagte sie zu sich selbst, „ich bin erstmal frei, er hat jetzt gerade keine Kontrolle mehr über mich. Und ich weiß, wo sich das Schwein befindet. Ich könnte einfach zur Polizei gehen und denen alles sagen. Die würden doch bestimmt… Ach verdammt, die würden denken, eine durchgeknallte Alkoholsüchtige versucht ihnen irgendwelchen Quatsch zu erzählen!“ Hätte sie nur gestern Abend nicht so viel getrunken! Sie kam zu dem Schluss, dass wenn sie Pech hätte, die Polizisten sie vielleicht gar nicht wieder gehen ließen. Dann würde er die kleine Jacqueline umbringen! Ok, Polizei kam also definitiv nicht in Frage. Was konnte sie sonst tun? Irgendetwas musste es doch geben! Aber sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zu fest haben sich die Anweisungen von Dr. Engel in ihrem Gehirneingebrannt! …Wagner-Straße…Dachner…Heidebrecht… 19:00 Uhr zurück… Das war alles zu viel für sie. Ihr wurde schwarz vor Augen und beinahe kollabierte ihr Kreislauf vollkommen. Innerlich wusste sie, dass heulen ihr jetzt am wenigsten helfen würde. Aber sie konnte es nicht steuern, es kam einfach so über sie.

Ein paar Minuten später – wie lange genau, konnte sie gar nicht bestimmen - erinnerte sich Monika an den Briefumschlag, den Dr. Engel ihr gab, bevor er sie gehen ließ. Sie öffnete ihn und fand ein Foto – es zeigte, wie die kleine Jacqueline gerade schlief. Und bei ihr befand sich Dr. Engel. Er hatte ein beängstigendes Lausbuben-Lächeln aufgesetzt und… und hielt der Kleinen ein riesiges Messer an den Hals. Damit wurde Monika wieder schlagartig bewusst, dass sie keine Möglichkeit hatte, gegen Dr. Engel anzukämpfen. Sie war fassungslos: Er gab ihr einfach dieses Bild und müsste eigentlich Angst haben, dass sie damit zur Polizei gehen würde. Aber anscheinend kannte er ihre Gedanken besser als sie selbst. Hat dieser Verrückte denn gar keine Schwächen? Obwohl Monika im Zug räumlich von ihm getrennt war, fühlte sie noch immer Dr. Engels ungeheuren Einfluss auf sie, mit der er von Anfang an ihren Willen immer wieder brach. Ob er sie nun in seinem Bunker ständig demütigte und heftig schlug oder ob er sie ohne Aufsicht mit dem Zug irgendwohin fahren ließ – es änderte gar nichts. Er konnte mit ihr machen, was immer er wollte!

Plötzlich wurde Monika aus ihren Gedanken gerissen: „…strelitz Hauptbahnhof“ ertönte eine kaum verständliche Stimme im Zug. Der Zug wurde schon deutlich langsamer, jetzt musste sie sich beeilen, sonst war alle Mühe bisher umsonst. Wütend fragte Monika sich in Gedanken, warum Haltestellen in Zügen bloß immer so knapp angesagt werden. Am Ausstieg wusste Monika, warum sie lieber mit dem Auto fuhr: Eine Gruppe stinkender Jugendlicher walzte wie eine Invasion von Heuschrecken in den Zug ein. Sich durch die Gruppe hindurch zu drängen, brauchte Monika gar nicht versuchen. Also wartete sie an der Seite, bis auch der letzte endlich drin war. „Hallo, Sexy Bitch!“; hörte sie noch von einem aus der Gruppe. „Ich geb dir 30, und meine Kumpels sehen zu!“ Sie ignorierte es. Einfach nur raus hier, dachte sie.

Vor dem Bahnhofsgebäude war in einem Glaskasten ein Stadtplan von Neustrelitz ausgestellt. So gut es ging, versuchte Monika, sich zunächst eine grobe Richtung zu merken, wo sie die Karbe-Wagner-Straße finden würde. 20 Minuten später sah sie schließlich den Getränkehandel in einiger Entfernung vor sich. Bis dahin musste sie bloß einmal jemanden nach dem Weg fragen. Wäre die Situation eine andere, hätte Monika stolz auf sich selbst sein können. So aber wollte sie nur ihre Aufgabe erledigen und dann so schnell wie möglich wieder von hier verschwinden – zurück zu Dr. Engel, um zumindest das Leben des Babys zu erhalten.

Der Mann, den sie treffen sollte – dieser Dachner – war tatsächlich bei dem Getränkehandel. Ohne Zweifel: Nach der Beschreibung von Dr. Engel hatte sie sich ihn sehr ähnlich vorgestellt. Groß war er, beinahe zwei Meter. Und er hatte einen dicken Bauch. Mitte 50 sollte er sein, aber sie vermutete, dass er vielleicht sogar schon die 60 hinter sich gelassen hatte. Dachner war alles andere als gepflegt. Sein graues Haar war lang und strähnig. Er trug eine schmuddelige Daunen-Jacke und eine sehr weit geschnittene Jeans. Bei ihm befanden sich noch zwei andere Männer, die einen ebenso ungepflegten Eindruck auf Monika machten. Alle drei hielten eine Flasche Bier in der Hand und unterhielten sich lautstark.

Die Seitenscheibe eines Kleintransporters nutzte Monika, um einen letzten Blick auf sich selbst zu werfen. Sie sollte, wenn sie auf den Mann treffen würde, gut aussehen. Das sagte Rainer, als er ihr heute Morgen die Aufgabe erklärte. Zugegeben, ihre Klamotten saßen perfekt. Rainer hat sie erstklassig ausgesucht. Verdammt, fragte sich Monika in Gedanken, warum nenne ich ihn jetzt ständig Rainer? Vermutlich, weil er mir trotz allem tausendmal lieber ist, als dieser ekelhafte Dachner, versuchte sie die Frage selbst zu beantworten. Sie fühlte sich gar nicht gut – schämte sich für ihren Kurzhaarschnitt, der überhaupt nicht zu ihrem Outfit passte. Und sie hatte unglaubliche Angst, weil sie nicht wusste, wie der Tag für sie enden würde. Bewusst konzentrierte sie sich auf die Atmung. Sie wurde etwas ruhiger, zitterte nicht mehr ganz so stark. Es gab kein Zurück, da musste sie nun durch!

Sie schritt so elegant sie nur konnte auf die drei Männer zu und bemühte sich dabei, besonders selbstsicher zu wirken Verführerisch musste sie sein, insbesondere für Dachner. Der hatte ihr aber gerade den Rücken zugekehrt. Stattdessen nahm einer seiner beiden Begleiter zuerst Kenntnis von ihr. Als hätte der gerade eine heiße Nacht mit Vivian Schmitt gewonnen, musterte dieser dreckige Penner Monika ausgiebig. Sie zwang sich, ihn zu ignorieren und glitt wie eine Prinzessin an ihm vorbei, weiter zu Dachner.

„Hallo“ sagte sie höflich und lächelte dezent. Ihre Knie waren butterweich und ihre Stimme begann zu flattern. Innerlich musste sie ihren Brechreiz unterdrücken, der bei dem Gestank der drei Gestalten zwangsläufig aufkam. Monika war sich absolut unsicher, ob sie bei Dachner die gewünschte Wirkung erzielte. Immerhin drehte er seinen Körper etwas zu ihr und sah sie an. „Herr Dachner?“ fragte sie weiter, „Ein gemeinsamer Freund schickt mich zu Ihnen, weil…“ Ohne, dass sie damit rechnete, klatschte ihr der Penner, der sie zuerst sah, mit der flachen Hand direkt auf den Allerwertesten. Durch die Wucht des Schlags machte Monika ungewollt einen Schritt nach vorn. Alle drei fingen zu lachen an.

Monikas Gedanken stockten. Reflexartig holte auch sie zum Schlag aus und traf den Penner an dessen linken Schläfe. Er taumelte zwei Schritte nach hinten und fiel um. Sein Kopf schlug hart auf dem Boden auf. Monika ließ ihren Blick aus Angst, der Mann könnte sie noch einmal angreifen, auf ihn gerichtet. Dabei konzentrierte sie sich so sehr auf den bewusstlosen Mann, dass sie gar nicht mitbekam, wie Dachner sie von hinten packte. Bloß mit der linken Hand hielt er Monika so fest, dass sie praktisch bewegungsunfähig war. Mit seiner unglaublichen Körpermasse wäre es ihm wohl ein Leichtes gewesen, sie zu erdrücken. Und er war sauer – richtig sauer! Sie musste es irgendwie schaffen, diese ekelhafte Bestie auf Distanz zu halten. Aber so sehr sie sich auch bemühte, sich aus seinem Griff zu winden, er war einfach zu stark! Erst, als er seine rechte Hand um ihren Hals legte, erkannte Monika ihre Chance: Sein kleiner Finger war etwas abgespreizt. Monika bekam ihn zu fassen und riss ihn mit aller Kraft nach unten. Es knackte fürchterlich und Dachners Griff lockerte sich merklich. Monika konnte sich befreien, während sich Dachner unter Schmerzensschreien die rechte Hand hielt. „Du Schlampe, komm her! Ich mach dich fertig! Du Flittchen!“ Er kam erneut auf sie zu. Monikas Körper bebte vor Angst. Noch einmal würde er sie auf keinen Fall wieder loslassen. Sicher würde er sie umbringen, sollte er sie noch einmal zu fassen kriegen. Gepeitscht vom Adrenalin rannte Monika die ganze Strecke bis zum Bahnhof.

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