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verfallen (10/10)

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Geschrieben

Bei der Rückfahrt saßen deutlich mehr Fahrgäste im Zug als hinwärts. Monika konnte auch, nachdem der Zug schon eine viertel Stunde unterwegs war, noch keine Emotionen ausdrücken. Als stünde sie neben sich, nahm sie Gesprächsfetzen der anderen Fahrgäste wahr, ohne sie wirklich aufzunehmen. Sie wünschte sich, sie könnte wenigstens weinen. Das hätte sie trösten können. Aber ihr schossen tausende Gedanken durch den Kopf, die sie allesamt in eine emotionale Leere führten: Der bewusstlose Mann vor dem Getränkehandel, Dachner, dem sie gerade noch entkommen war, das Baby und die Polizei. Nun war sie auf dem Weg zurück zu Dr. Engel. Wie würde es dort weiter gehen? Die Polizei hatte sie nicht informiert, also konnte niemand ihr helfen. Sie konnte einzig und allein für die kleine süße Jacqueline da sein, indem sie zurück zu Dr. Engel fahren würde. Spätestens 19:00 Uhr, hieß es, sollte sie wieder da sein. Egal was passierte – egal was passierte…

Monika erinnerte sich wieder an das Foto, auf dem Dr. Engel dem Baby das Messer an den Hals hielt. Dann sah sie vor ihrem geistigen Auge Dr. Engel und seine erklärenden Worte bezüglich ihrer Aufgabe: „Deine Aufgabe für heute besteht darin, dass du in dem Outfit mit dem Zug nach Neustrelitz fährst. In der Karbe-Wagner-Straße 51, vorm Getränkehandel Heidebrecht triffst du auf einen Mann namens Eberhard Dachner.“ Sie erinnerte sich noch wortwörtlich an seine Erklärungen: „Dachner ist eine Bestie. Er hat schon über 11 Jahre im Knast gesessen. Insgesamt hat er sieben Frauen brutal vergewaltigt, manche davon mehrfach. Er ist sehr groß und kräftig gebaut, hat lange graue Haare und ist etwa 55 Jahre alt. Er hängt bei dem Getränkehandel meist mit zwei anderen Vollidioten herum. Die sind harmlos. Aber mit Dachner ist nicht zu spaßen – der schreckt vor nichts zurück. Ich will, dass du zu ihm gehst und ihm die Nase brichst. Wie du das anstellst, ist deine Sache. Dein Outfit dürfte dir zumindest dabei helfen, sich ihm anzunähern. Zum nächsten Bahnhof sind es…“

Monikas Gedanken brachten ab. Die Aufgabe war unmissverständlich und sie hat sie nicht erfüllt. Was nun mit ihr und der kleinen Jacqueline geschehen würde, wusste nur Dr. Engel. Zum Kämpfen war Monika jetzt zu müde. Wenn er sie heute umbringen würde, dann sollte es eben so sein.

***

17:12 Uhr war Monika wieder vor dem Anwesen von Dr. Engel angekommen. Noch immer konnte sie all das, was ihr in den letzten Stunden geschah, nicht verarbeiten. Dass sie hätte sterben können, als sie sich mit diesem Dachner zu messen versuchte, wollte ihr nicht in den Kopf. Die Gefahr, der sie ausgesetzt war, blendete ihr Gehirn so konsequent aus, als wäre sie ein Kind, dass deutlich zu spät nach Hause kam und die besorgten Moralpredigten der Eltern einfach über sich ergehen ließ. „Wieso regt ihr euch so auf – es ist doch nichts passiert!“

Als sie das Grundstück betrat, überlegte sie, was das eigentlich war, wo sie gefangen gehalten wurde. Von dieser Perspektive hatte Monika ihr Gefängnis noch nie gesehen. Für eine Fabrik war das Grundstück einfach zu abgelegen, dann eher eine alte Armee-Kaserne oder etwas in der Art. Sie überlegte, ob sie wirklich die Tür aufschließen und sich wieder den Launen dieses Wahnsinnigen aussetzen sollte. Aber wie in den letzten Tagen so oft kam sie zu dem Schluss, dass sie keine andere Wahl hatte. Ohnehin hatte er sie sicher schon bemerkt.

Als sie den Wohnbereich betrat, stand Dr. Engel in einem perfekt sitzenden Designer-Anzug vor ihr. Er sah gut aus, dass musste sie zugeben. Etwa 1,85m groß und schlank. Sein markantes Gesicht und der erstklassig gewählte Haarschnitt trafen genau ihren Geschmack. „Ich ging davon aus, dass ich mich recht deutlich ausgedrückt habe, als ich sagte, du sollst dem Arschloch die Nase brechen. Warum also hast du es nicht getan?“ Wahnsinn – selbst die Tatsache, dass sie seine Aufgabe nicht erfüllt hatte, wusste er schon. Er hatte auf eine unerklärliche Art seine Augen und Ohren überall. „Er war einfach zu stark für mich, ich hatte keine Chance gegen ihn“ entgegnete Monika schüchtern. „Schwachsinn!“ brüllte Dr. Engel, so dass Monika erschrocken zusammenfuhr. Dann wieder leise und ruhig: „Jeder hat eine Schwachstelle. Hättest du sie gefunden, hättest du meinen Wunsch auch erfüllen können. Aber immerhin bist du pünktlich zurück, Gott sei Dank! Du siehst müde und erschöpft aus. Das Problem ist, dass ich noch etwas mit dir vorhabe!“ Er ging ins Nebenzimmer und holte das Himmelbettchen rein. Oh Gott, Jacqueline. Sie lebt noch! Monika kam es vor, als hätte sie die Kleine eine Ewigkeit nicht gesehen.
„Ich nehme an, du bist zurück gekommen, weil du dachtest, du könntest so ihr Leben retten, hm?“ Meinst du, du kannst es wirklich?“ Er nahm sie aus dem Bettchen. Sie war munter, aber ruhig. Und er: Das gleiche Lächeln wie auf dem Foto! Er würde ihr doch nicht wirklich etwas antun? „Ich tue alles, was Sie wollen, nur bitte tun Sie der Kleinen nichts!“ Anscheinend hatte Dr. Engel genau diese Antwort erwartet. Ohne noch ein Wort zu sagen, schob er das Himmelbettchen wieder in den Nebenraum.


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