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Nachtschatten


CAT-IS-BACK

Empfohlener Beitrag

Der Text ist zu heiß

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Die Stadt war zu laut für diese Uhrzeit.

Sirenen in der Ferne. Musik aus offenen Fenstern. Gelächter, das nicht hierherpasste.
Catta zog den Mantel enger um sich, während sie die Straße entlangging. Der Regen hatte aufgehört, aber die Luft war schwer. Elektrisch.

Sie hätte längst zuhause sein sollen.

Doch irgendetwas hatte sie aufgehalten.
Dieses Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht neu. Aber heute… intensiver.

Ihr Handy vibrierte.

Unbekannt:
Bleib nicht stehen.

Catta blieb stehen.

„Verdammt“, murmelte sie – und sah ihr Spiegelbild in einer dunklen Schaufensterscheibe.
Hinter ihr bewegte sich etwas.

Sie drehte sich um.

Ein Mann stand am anderen Ende der Straße. Groß. Ruhig. Zu ruhig.
Er kam nicht näher. Sah sie nur an.

Ihr Herz schlug schneller.

Das Handy vibrierte erneut.

Jetzt links.

Ohne nachzudenken bog sie in die schmale Gasse ein. Schritte hinter ihr. Nicht rennend. Kontrolliert.

„Okay“, flüsterte sie. „Okay, das ist jetzt der Moment, wo ich Panik kriege.“

Eine Hand griff nach ihrem Arm – fest, warm.

Sie fuhr herum, wollte schreien, doch eine Stimme direkt an ihrem Ohr stoppte sie.

„Nicht schreien. Ich bin nicht der, vor dem du Angst haben solltest.“

Sie sah ihn an. Dunkle Augen. Regennasse Haare. Kein Lächeln. Aber auch keine Kälte.

„Dann lassen Sie mich los.“

„Kann ich nicht.“ Seine Stimme war ruhig. Ernst. „Nicht, solange sie noch hier sind.“

„Wer?“

Ein Geräusch hinter ihnen. Schritte. Mehr als eine Person.

Der Mann zog sie näher an sich, presste sie in den Schatten zwischen zwei Häusern. Zu nah. Sein Atem an ihrer Wange.

„Wenn du mir nicht vertraust, bist du gleich weg“, flüsterte er. „Und ich meine nicht freiwillig.“

Sie spürte sein Herz. Ruhig. Kontrolliert.
Und etwas anderes: Spannung. Elektrisch. Gefährlich.

„Du hast drei Sekunden“, sagte sie leise.

„Ich heiße Leon“, antwortete er. „Und du bist seit heute auf der falschen Liste.“

Ein Schatten huschte am Ende der Gasse vorbei.

Catta packte Leons Jacke.

„Dann lauf.“

Sie rannten.

Über nassen Asphalt, durch Hinterhöfe, über eine Feuertreppe. Ihre Finger verkrallten sich in seinem Shirt, als er sie über ein Geländer zog. Ihr Atem ging stoßweise, heiß, zu nah an seinem Hals.

Hinter ihnen Stimmen. Fluchen. Schritte.

Leon stieß eine Tür auf. Zog sie hinein. Schloss ab.

Dunkelheit.

Stille.

Nur ihr Atem. Zu laut. Zu nah.

„Was zur Hölle ist hier los?“, flüsterte sie.

Er drehte sich zu ihr. Jetzt, in der Dunkelheit, wirkte er noch intensiver. Seine Hand lag noch immer an ihrer Hüfte.

„Du bist aufgefallen“, sagte er leise. „Und das ist in dieser Stadt keine gute Sache.“

„Warum hilfst du mir?“

Ein Moment. Dann:
„Weil ich dich nicht verlieren will, bevor ich dich kenne.“

Ihre Blicke trafen sich.

Etwas veränderte sich.

Langsam. Gefährlich.

Catta spürte, wie ihre Angst sich verwandelte. In Adrenalin. In Hitze. In etwas, das sie nicht benennen wollte.

„Das ist keine gute Idee“, hauchte sie.

„Nein“, sagte er. „Aber du denkst trotzdem darüber nach.“

Er trat näher. Nicht drängend. Wartend.

Sie hätte gehen können.

Stattdessen legte sie die Hand an seine Brust.

Ein Atemzug. Zwei.

Dann küsste sie ihn.

Kein Zögern. Keine Vorsicht. Nur Spannung, die sich entlud. Seine Hand an ihrem Rücken, fest, sicher. Ihre Finger in seinem Haar.

Die Welt draußen verschwand.

Für einen Moment gab es nur Nähe. Hitze. Dieses gefährliche Wissen, dass sie beide gerade etwas taten, das sie später bereuen könnten – oder nie vergessen.

Als sie sich lösten, atmeten beide schwer.

„Das war unklug“, flüsterte sie.

Er lächelte schief. „Du hast keine Ahnung.“

Plötzlich ein Geräusch draußen. Stimmen. Näher.

Leon wurde sofort wieder ernst.

„Wir müssen hier raus.“

„Zusammen?“

Er sah sie an. Lange.

„Ja.“

Sie nickte.

Sie rannten erneut – diesmal nicht weg voneinander, sondern nebeneinander. Durch eine Hintertür, über einen Hof, in ein fremdes Treppenhaus.

Oben, in einer kleinen Wohnung, verriegelte er die Tür.

Stille.

Nur ihr Atem. Ihre Nähe.

Catta lehnte sich an die Wand. Sah ihn an. Sah, dass auch er zitterte.

„Das ist Wahnsinn“, sagte sie leise.

„Vielleicht“, antwortete er. „Aber du lebst noch.“

Sie trat zu ihm. Langsam. Bestimmt.

„Und ich fühle mich lebendig.“

Diesmal küsste er sie zuerst.

Langsam. Tief. Ehrlich.

Die Nacht draußen tobte weiter. Aber hier, in diesem Raum, war nur Wärme. Nähe. Zwei Menschen, die sich gefunden hatten, ohne danach gesucht zu haben.

Nachtschatten – Teil 2: Die Entscheidung

Der Morgen kam langsam.

Zu langsam.

Graues Licht schob sich durch die schmutzigen Scheiben, zeichnete Konturen auf Haut, auf Wände, auf alles, was in dieser Nacht passiert war – und auf das, was unausgesprochen zwischen ihnen lag.

Catta saß auf der Bettkante. Barfuß. Das Shirt, das sie trug, war nicht ihres.

Hinter ihr bewegte sich Leon.

Nicht laut. Nicht hastig. Als wüsste er, dass jeder falsche Ton sie vertreiben könnte.

„Du denkst zu viel“, sagte er leise.

„Ich denke genau richtig“, antwortete sie und sah nicht zu ihm um. „Das hier endet nicht gut.“

Er setzte sich neben sie. Nah genug, dass sie seine Wärme spürte.

„Vielleicht“, sagte er. „Aber nicht alles muss gut enden, um richtig zu sein.“

Sie lachte leise. Bitter. Ehrlich.

„Du hast keine Ahnung, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe.“

Stille.

Dann legte er seine Hand über ihre. Nicht fordernd. Wartend.

„Dann hör mir jetzt zu.“

Sie sah ihn an.

„Sie sind noch da draußen“, sagte er. „Die Leute, die dich beobachtet haben. Und jetzt wissen sie, dass du nicht allein bist.“

„Also war das alles kein Zufall.“

„Nein.“

Ein Moment, in dem die Wahrheit schwer zwischen ihnen hing.

„Und du?“, fragte sie leise. „Was bist du? Retter? Problem? Oder beides?“

Er sah sie lange an.

„Ich bin jemand, der dich nicht loslassen kann, seit du mir in dieser Gasse nicht weggelaufen bist.“

Ihr Atem stockte.

„Das ist keine Antwort.“

„Doch“, sagte er. „Nur keine sichere.“

Draußen knallte eine Autotür.

Beide erstarrten.

Leon stand sofort auf, zog sie mit sich. Ein Blick aus dem Fenster reichte.

„Sie haben uns gefunden.“

Ihr Herz begann zu rasen. „Was machen wir?“

Er drehte sich zu ihr. Ruhig. Entschlossen.

„Jetzt kommt der Teil, wo du mir vertrauen musst.“

„Schon wieder.“

Ein Schatten von einem Lächeln. „Oder du übernimmst die Kontrolle.“

Das war der Moment.

Catta trat einen Schritt auf ihn zu. Ihre Hand an seiner Brust. Fest.

„Nein“, sagte sie leise. „Jetzt hörst du mir zu.“

Seine Augen verdunkelten sich.

„Du läufst nicht vor. Du versteckst dich nicht. Und du entscheidest nicht allein.“

Sie trat näher. Zu nah.

„Wir gehen zusammen raus. Und wir zeigen ihnen, dass ich keine Beute bin.“

Ein Luftholen. Ein Zögern.

Dann nickte er langsam.

„Verdammt“, murmelte er. „Du bist gefährlich.“

„Ich weiß.“

Sie gingen nicht durch die Tür.

Sie gingen durchs Fenster.

Über das Vordach. Auf das Nachbargebäude. Schritte hallten hinter ihnen. Rufe. Hastig. Unkoordiniert.

Catta rannte. Aber diesmal nicht aus Angst.

Neben ihr Leon – schneller, entschlossener. Seine Hand fand ihre, zog sie mit.

Ein Sprung. Ein Stolpern. Ein Griff um ihre Taille.

Sie lachte. Atemlos. Lebendig.

Sie schafften es.

Irgendwann. Irgendwo.

Ein leerer Dachboden. Staub. Stille.

Und dann – nichts mehr außer ihnen.

Sie standen sich gegenüber.

Schweiß. Adrenalin. Nähe.

„Das war verrückt“, flüsterte sie.

„Du hast keine Ahnung“, antwortete er.

Diesmal war es kein hastiger Kuss.

Diesmal war es langsam.

Fragend.

Tief.

Alles, was sie nicht gesagt hatten, lag darin. Die Angst. Die Anziehung. Das Wissen, dass man sich nicht zufällig begegnet.

Sie lösten sich nicht sofort.

Und als sie es taten, war klar, dass etwas entschieden war.

Später, als die Stadt wieder normal klang, saßen sie nebeneinander. Erschöpft. Ruhig.

„Was jetzt?“, fragte sie.

Er sah sie an. Lächelte endlich wirklich.

„Jetzt lassen wir sie glauben, sie hätten gewonnen.“

„Und dann?“

„Dann leben wir.“

Catta lehnte den Kopf an seine Schulter.

„Klingt gefährlich.“

„Ist es auch.“

Sie schloss die Augen.

Aber diesmal nicht aus Angst.

Nachtschatten – Teil 3: Die Jagd

Der Morgen hatte keine Farbe.

Grauer Himmel, nasser Asphalt, das leise Summen der Stadt, die so tat, als wäre nichts geschehen.
Catta stand am Fenster der kleinen Wohnung, in die sie sich zurückgezogen hatten. Unten zog das Leben vorbei – ahnungslos.

„Sie lassen nicht locker“, sagte Leon hinter ihr.

Sie nickte. „Ich weiß.“

Seit Stunden spürte sie es wieder. Dieses Ziehen. Dieses Wissen, dass man beobachtet wird, auch wenn man niemanden sieht.

„Dann drehen wir den Spieß um“, sagte sie ruhig.

Er sah sie an. Lange. Prüfend.

„Das ist kein Spiel.“

„Nein“, antwortete sie. „Das ist ein Ende.“

Die Jagd

Sie lockten sie.

Nicht mit Angst – sondern mit Absicht.

Eine falsche Spur. Ein absichtlich offenes Handy. Ein Weg, der zu offensichtlich war, um echt zu sein.

Die Verfolger nahmen ihn.

In einem alten Industriegebiet, wo Licht und Schatten ineinanderflossen, kam es zur Konfrontation.

Schritte hallten. Stimmen flüsterten. Bewegung aus dem Augenwinkel.

Catta stand ruhig. Kein Zittern. Keine Flucht.

Leon blieb hinter ihr. Nicht als Schutzschild – sondern als Rückhalt.

„Ihr seid zu weit gegangen“, sagte sie in die Dunkelheit.

Ein Mann trat vor. Dann ein zweiter. Gesichter, die man vergisst, sobald man sie sieht.

„Du hättest nicht neugierig sein sollen“, sagte einer.

Catta lächelte langsam.

„Und ihr hättet nicht denken sollen, ich wäre allein.“

Das Chaos brach aus.

Nicht laut. Nicht wild. Sondern präzise.

Bewegung. Ablenkung. Fluchtwege, die plötzlich keine mehr waren.
Leon griff ein, wo es nötig war. Catta dort, wo man es nicht erwartete.

Nicht brutal. Aber entschieden.

Am Ende standen sie allein.

Die anderen flohen. Keine Siegerpose. Kein Triumph.

Nur Stille.

Danach

Sie saßen auf dem Dach eines verlassenen Gebäudes. Die Stadt glühte unter ihnen.

Catta lehnte sich zurück, den Blick in den Himmel.

„Das war’s also.“

Leon sah sie an. „Ja.“

Eine Pause.

Dann: „Du bist unglaublich.“

Sie schnaubte leise. „Ich bin müde.“

Er rückte näher. Vorsichtig. Fragend.

Sie ließ es zu.

Seine Hand fand ihre. Warm. Ruhig.

„Bleib“, sagte er leise.

Nicht als Forderung.

Als Wunsch.

Catta drehte den Kopf. Ihre Stirn berührte seine.

„Nur, wenn du mich nicht festhältst.“

„Würde ich nie.“

Sie küssten sich.

Langsam. Tief. Kein Drängen. Kein Erobern. Nur Nähe, die sich aufbaute wie Musik.

Seine Hand glitt über ihren Rücken. Ihre Finger vergruben sich in seinem Nacken. Sie spürte seinen Atem, seinen Herzschlag, das Zittern, das sie beide nicht verbergen wollten.

Die Welt schrumpfte.

Es gab nur noch diesen Moment.

Sie zogen sich zurück in die Stille der Wohnung. Lichter aus. Musik leise. Regen am Fenster.

Ihre Körper fanden sich – ohne Hast, ohne Kampf.
Berührungen wurden zu Versprechen. Blicke zu Geständnissen.

Zeit verlor Bedeutung.

Als sie später nebeneinander lagen, ruhig, erschöpft, zufrieden, spürte Catta etwas, das sie lange nicht gekannt hatte.

Sicherheit.

Nicht, weil alles vorbei war.

Sondern weil sie nicht mehr allein war.

„Was jetzt?“, murmelte sie.

Leon lächelte, strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht.

„Jetzt nehmen wir uns eine Auszeit.“

„Und dann?“

„Dann leben wir. Ohne Angst.“

Catta schloss die Augen.

Zum ersten Mal glaubte sie ihm.

Nachklang

Der Morgen war still.

Nicht leer – nur ruhig.
So ruhig, dass man jedes Geräusch hörte: den Wind in den Bäumen, das ferne Rauschen der Stadt, das leise Atmen eines anderen Menschen im Raum.

Catta lag wach.

Das Licht fiel weich durch die halb geschlossenen Vorhänge, zeichnete helle Streifen über die Decke, über ihre Hände. Neben ihr lag Leon, auf der Seite, den Rücken ihr zugewandt. Sein Atem war gleichmäßig, ruhig. Nicht angespannt. Nicht auf der Flucht.

Zum ersten Mal seit Tagen.

Sie drehte sich langsam zu ihm. Betrachtete ihn, als hätte sie dazu nie zuvor Zeit gehabt. Die kleine Falte zwischen den Augenbrauen. Die Narbe an der Schulter. Die Art, wie seine Hand im Schlaf offen dalag, als würde sie etwas erwarten.

Oder jemanden.

Catta streckte die Finger aus und berührte ihn nicht sofort. Nur die Luft über seiner Haut. Als müsste sie sicher sein, dass dieser Moment wirklich da war.

Dann legte sie die Hand auf seine Brust.

Er atmete tiefer ein.

„Du bist wach“, murmelte er.

„Schon eine Weile.“

Er drehte sich zu ihr. Seine Augen noch schwer vom Schlaf, aber klar. Wach genug, um sie zu sehen.

„Alles okay?“

Sie nickte langsam. „Ja. Ungewohnt. Aber gut.“

Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. Er zog sie näher, ohne Hast, ohne Anspruch. Einfach so, als wäre es das Natürlichste der Welt.

Ihre Stirn an seiner. Sein Daumen, der gedankenverloren über ihren Arm strich.

Kein Drängen. Kein Ziel.

Nur Nähe.

„Weißt du“, sagte sie leise, „ich bin es gewohnt, immer bereit zu sein. Zu gehen. Zu kämpfen. Zu verschwinden.“

„Und jetzt?“

Sie sah ihn an.

„Jetzt will ich bleiben.“

Ein Moment, in dem sich etwas löste.

Leon atmete aus, als hätte er diesen Satz gebraucht. Seine Hand wanderte in ihren Nacken, zog sie sanft näher. Die Berührung war langsam, fast vorsichtig – als würden sie beide lernen, dass Nähe nicht immer Gefahr bedeutete.

Der Kuss war leise.

Warm.

Nicht fordernd.

Mehr ein Versprechen als ein Anfang.

Sie spürte seine Stirn an ihrer, sein Lächeln, kaum sichtbar. Seine Hand, die ihren Rücken entlangfuhr, nicht suchend, sondern haltend.

Zeit verlor an Bedeutung.

Später lagen sie nebeneinander, die Beine verschränkt, die Welt draußen vergessen. Das Licht hatte sich verändert. Weicher. Goldener.

„Was machen wir, wenn alles wieder laut wird?“, fragte sie.

Er überlegte kurz.

„Dann erinnern wir uns daran, wie still es hier war.“

Sie lächelte.

„Und wenn es wieder gefährlich wird?“

„Dann halten wir uns fest.“

Sie schloss die Augen.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit war da keine Angst mehr vor dem Morgen.

Nur das Gefühl, angekommen zu sein.

Nicht an einem Ort.

Sondern bei jemandem.

 

 

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