Jump to content

Intensiv

Empfohlener Beitrag

Der Text ist heiß!

Um weiterlesen zu können benötigst Du einen Account.
Jetzt kostenlos registrieren!

Jetzt registrieren
Geschrieben

Er öffnete das Fenster, atmete tief ein und aus. Atmete, atmete. Ein wildes Rudel von Gerüchen stürmte auf ihn zu. Er konnte fernriechen. Die limbische Abteilung des Hirns schlug Kapriolen. Wieder mal extreme Fete im Oberstübchen. Eindeutige Anzeichen. Verdammt! Ausgerechnet jetzt. Bald würde sich im Partylärm das rasende Pochen abheben. Vielleicht schaffte er es, die unerbittlich fordernde Migräne mit zwei, drei sehr flotten Espressi noch etwas zu vertrösten.

Die Kaffeemaschine grölte angeberisch, machte Hochdruck, warf dampfend eine Duftdecke über ihn, die ihn fast erstickte. Ihm wurde heiß. Verdammtes Lederzeug. Gierig leerte er die Tasse in einem Zug. Schluckte die heiße Brühe – aber nicht. Stattdessen lief ihm die schwarze Flüssigkeit aus dem linken Mundwinkel über Kinn, Hals, in den Kragen, übers Hemd. Das auch noch! Im Bad ließen sich diese idiotischen Knöpfe selbstverständlich nicht knöpfen. Wieso hießen die dann so! Irgendwie hatte er kein Gefühl in den Fingern. Im Spiegel, erst jetzt im Spiegel, obwohl er mehrfach hingeschaut hatte, registrierte er: eine fremde Fratze, ein entstelltes, sein in zwei Teile gespaltenes Gesicht. Die eine Seite war normal, aber die linke Hälfte machte auf tragisch. Der Mund hing zu Tode betrübt, schlaff, leblos herab.

Mit fühllosen Fingern 122, 133, 144 - Scheiße, ganz ruhig, nur die Ruhe! Das ist alphamäßig, also buchstäblich, wie heißt das, systematisch geordnet: Feuerwehr 122, P kommt vor R, Rettung 144.
„Notruf, Rotes Kreuz.“
„Meine Herren, wenn ich Sie bemühen dürfte. Ich habe den Verdacht, dass mich ein kleiner Schlaganfall oder so was heimgesucht hat. Mach ich. Ja. Okay. Okay. Okay.“

Wenn er sich etwas später die lässig uniformierte Jugend im modischen Orange so betrachtete, die sich an ihm zu schaffen machte, seinen Körper, der nicht mehr allein ihm gehörte, hob und legte, drückte und piekste, überraschte ihn auf eine fast heiter-distanzierte Weise die sachte Kompetenz, mit der sie ihn letztendlich erreichte. Er war nämlich unterwegs, außer sich oder wie man sagt. Aber anders als seine tragische Gesichtshälfte erwarten ließ, empfand er das weniger dramatisch als amüsant. Die Rettungsjugendlichen machten in Erfahrung und Verlässlichkeit und er war bereit, es ihnen abzunehmen. Man trug ihn auf der Bahre durchs Stiegenhaus, wiegte ihn in Sicherheit. Beinahe genoss er es. War eine Weile her, dass er von jemandem getragen wurde. Auf dem Einsatzfahrzeug stand: „Rettung“. Das war doch mal eine Ansage.

„Lassen Sie los“, sagte der Knabe, der einen Arzt mit beginnender Stirnglatze spielte, was reichlich übertrieben wirkte. Blauflackernde Gesichter beugten sich über ihn. Türen wurden zugeschlagen. Folgetonhorn. Das machte ihn wichtig. Und ein bisschen eilig hatte er es tatsächlich, spürte er. Ein Milchbart mit Staatswappen am Revers, Zivildiener, fragte ihm Löcher in den Bauch. Es hatte keinen Sinn, er gab nach und gestand den Namen seiner Krankenkasse, die Versicherungsnummer, Medikamentenliste, obwohl ihn ein schrecklicher Schwindel quälte. Die Besatzung, jawohl, so hieß das, die Besatzung funkte das sofort weiter. Jetzt hatten sie endlich, was sie wollten. Würden ihn entsorgen, wie er die Brüder kannte. Der Doktor zog eine weitere Spritze auf, starrte auf den kleinen Monitor, an den sie ihn angeschlossen hatten. Er konnte die Anspannung des Arztdarstellers riechen. Vermutlich wollte er sich selbst beruhigen.
„Ganz ruhig“, versuchte der Typ wen auch immer zu beschwichtigen, „das wird schon wieder.“
Keine Migräne bis jetzt. Gutes Zeichen. Aber eigentlich müsste er dringend noch etwas. Sehr Wichtiges. Sollte er. Doch da fiel er längst. Fort.

Er tauchte widerwillig aus dem Schwarz auf. Konnte sich nicht bewegen. War nackt. Geräte starrten ihn grünäugig an. Dieser sonderbare Vorwurf, der in ihm vermummt umging, konnte nicht der Nachhall eines Traums sein, denn er hatte nichts, absolut nichts geträumt.

Als er aber dich neben dem Bett erblickt, fällt ihm seine Schuld, oder wie das heißt, schlagartig wieder ein. Du siehst ihn besorgt an. Er versucht zu grinsen. Hat keine Ahnung, wie das aussieht, was er zustande bringt. Er will etwas sagen, kann aber die Zunge nicht bewegen.

Seine Augen fragen: Wie konntest du dich befreien? Einer der Sanitäter? Peinlich, gell? Egal, wichtig ist nur, dass es dir gut geht. Alles andere ist Nebensache. Nicht auszudenken, wie das hätte enden können. Stell dir vor, ich bin hier im Krankenhaus und du bleibst festgeschnallt in der Kammer zurück. Wahnsinn. Ein Glück. Komm, mach nicht so ein Gesicht, das wird schon wieder. Vielleicht hab ich es diesmal ein bisschen übertrieben, okay, aber von etwas heftigen Schlägen stirbt niemand. Tut’s noch sehr weh? Jetzt sind wir beide marod, was?

Sagt sein Blick. Leider sieht er dich nur unscharf in diesem grünen Düster. Er denkt immer wieder das Wort Intensiv, weiß aber nicht, was es bedeutet. Er fühlt sich wie abgekapselt. Schließlich erhält er von unerwarteter Seite Unterstützung. Es helfen ihm die Überwachungsmonitore dabei, sich dir verständlich zu machen, und es funktioniert auf Anhieb wunderbar:

Sag was, Herz, geil mich auf, Sklavin! Ach, Scheiße, du, mir ist kalt. Man lässt mich wie aufgebahrt da nackt liegen. Die Schläuche wachsen schon aus mir raus. Das ist doch hier alles total falsch, verdammt noch mal. Du hast zu liegen. Ich möchte über dir stehen. Weitermachen. Komm, wir machen jetzt weiter. Du, keine nutzlose Weinerlichkeit! Wir sind noch nicht fertig. Auf dich warten jetzt jede Menge Schläge. Harte Schläge. Ich schlage mich frei. Zu dir. Diesmal gehe ich über deine Grenze, meine arme, geile Leibeigene.

Und du löst dich aus dem Grün, legst dich auf ihn. Beine auf seine Beine, Arme auf seine Arme, Schoß auf Schoß, Brust auf Brust. Dein Gesicht seinem ganz nah. Dein Gesicht, das er leider, oder wie das heißt, so liebt. Dessen Hälften jetzt irgendwie sonderbar auseinander fallen. Rechts du, mit diesem Ausdruck, den er immer nur versteht, wenn er dich küsst. Und links, die andere Hälfte –

„Lass los!“ sagt der Mund. Und deine Gestalt sinkt in ihn und vergeht wie Gestein in Magma. Und beide, du und er, glühen noch einmal auf, intensiv, und er atmet tief ein und aus, atmet und lässt los.

Geschrieben

Oh Hoppla ... da hat Einer Talent; eine sehr gut herausgearbeitete Momentaufnahme, und tatsächlich jemand, der literarisch schreiben kann. Ganz selten hier ... gerne mehr!

SatanzWeib74
Geschrieben

Einfach nur WoW

sehr schön geschrieben

Geschrieben

Hammer!!

 

×